Published November 4, 2026 | Version v2

Gesundheit als Abwägungssache in der Prävention arbeitsbedingter Krebserkrankungen. Ergebnisseeiner ethnografischen Studie in Landwirtschaft und Bauindustrie

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Hintergrund: Natürliche UV-Strahlung und Asbest sind zwei wichtige Ursachen für Berufskrankheiten. In der Landwirtschaft und der Bauindustrie besteht für Arbeitende ein hohes Risiko für die Exposition gegenüber mindestens einem der Karzinogene. Beide Branchen sind außerdem durch potenziell prekäre und risikoreiche Arbeitsbedingungen sowie eine internationale Arbeiter*innenschaft gekennzeichnet. Da berufsbedingter Krebs im Vergleich zu anderen berufsbedingten Erkrankungen lange Latenzzeiten aufweist, ist seine Prävention ein Indiz für grundlegendere Haltungen zu Arbeitsschutz und Prävention.

Zielsetzung: Im Arbeitsschutz ist die Verhältnisprävention vorrangig gegenüber der Verhaltensprävention. Ein Mitwirken der Arbeiter*innen für das Gelingen der Prävention ist bei beiden Karzinogenen essenziell. In diesem Beitrag setzen wir uns mit dem Wissen zu berufsbedingtem Krebs und den präventionsbezogenen Einstellungen und Praktiken der Arbeiter*innen in beiden Branchen auseinander.

Methoden: Die ethnografische Studie wurde von der Deutschen Krebshilfe finanziert (08/2023 - 07/2026). Wir führten offene teilnehmende Beobachtungen in je zwei Tätigkeitsstätten pro Branche durch. Die Daten bestanden aus Beobachtungsprotokollen, Fotografien und Dokumenten und wurden fallvergleichend mittels ethnografischen Kodierens ausgewertet. Abschließende Workshops mit Arbeiter*innen und Expert*innen der Prävention werden in der ersten Jahreshälfte 2026 finalisiert.

Ergebnisse: In allen beobachteten Betrieben fand seitens der Arbeitgeber und Führungskräfte eine Priorisierung von Verhaltens- über Verhältnisprävention statt. Natürliche UV-Strahlung und Asbest wurden von Arbeiter*innen als schädigend, aber nicht als krebserregend wahrgenommen. Wissen über die Entstehung von berufsbedingtem Krebs schien in Bezug auf den Krebs als solches und den Zusammenhang zwischen berufsbedingter Exposition und Krebs kaum bekannt. Auf Grund der langen Latenzzeiten und fehlender Erkrankungsfälle im eigenen Umfeld erschien berufsbedingter Krebs als weit entferntes Risiko. Im Alltag standen hingegen persönliche Einstellungen zu Arbeit sowie Zeitdruck, herausfordernde Arbeitsbedingungen, präventionshemmende Führungsstile und Teamdynamiken sowie ökonomische Interessen und Zwänge im Vordergrund. In dieser Gemengelage wurden von Arbeiter*innen Gesundheit und andere Interessen abgewogen und Entscheidungen zu Ungunsten der eigenen Gesundheit gefällt. Mögliche Auswirkungen auf die eigene Gesundheit wurden kaum priorisiert oder bestenfalls auf den Erhalt der aktuellen Arbeitsfähigkeit hin gedacht. Bedenken wurden mit Verweis auf die eigene Belastungs- und Regenerationsfähigkeit beiseitegeschoben. Veränderungen wurden in eine unbestimmte Zukunft verlagert. Auch dort, wo arbeitsbedingte Risikofaktoren erkannt wurden, beispielsweise im Zusammenhang mit Muskel-Skelett-Erkrankungen, wurde ein ähnliches präventionsbezogenes Bild erkennbar. Wesentliche Unterschiede entlang von Gender, Herkunft oder Alter konnten nicht festgestellt werden.

Implikation für Forschung und/oder (Versorgungs-)Praxis: Arbeitgeber sollten in ihrer Pflicht der Verhältnisprävention und der Gestaltung guter Arbeitsbedingungen unterstützt werden, damit Gesundheit nicht zur Abwägungssache der Arbeiter*innen wird.   

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