Migration als Brennglas im Kontext der Prävention arbeitsbedingter Krebserkrankungen. Ergebnisseeiner ethnografischen Studie in Landwirtschaft und Bauindustrie
Authors/Creators
- 1. Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Tübingen
Description
Hintergrund: Natürliche UV-Strahlung und Asbest sind wichtige Ursachen für Berufskrankheiten. Arbeitgebende haben gesetzlich klare Verantwortlichkeiten bei der Umsetzung des Arbeitsschutzes. Für das Gelingen der Prävention bei beiden Karzinogenen ist zusätzlich ein Mitwirken der Arbeiter*innen essenziell. In der Landwirtschaft und der Bauindustrie besteht für Arbeitende ein hohes Risiko für die Exposition gegenüber mindestens einem der Karzinogene. Beide Branchen sind außerdem durch potenziell prekäre und risikoreiche Arbeitsbedingungen sowie eine internationale Arbeiter*innenschaft gekennzeichnet. Intersektionale Studien zur Prävention von arbeitsbedingten Krebserkrankungen in der Landwirtschaft und der Bauindustrie fehlen bislang in Deutschland.
Zielsetzung: Welche Rolle spielt Migration im Kontext der Prävention berufsbedingter Krebserkrankungen in der Landwirtschaft und der Bauindustrie?
Methoden: Die ethnografische Studie wurde von der Deutschen Krebshilfe finanziert (08/2023 - 07/2026). Wir führten offene teilnehmende Beobachtungen in je zwei Tätigkeitsstätten pro Branche durch. Die Daten bestanden aus Beobachtungsprotokollen, Fotografien und Dokumenten und wurden fallvergleichend mittels ethnografischen Kodierens ausgewertet. Abschließende Workshops mit Arbeiter*innen und Expert*innen der Prävention werden in der ersten Jahreshälfte 2026 finalisiert.
Ergebnisse: Drei von vier Tätigkeitsstätten waren maßgeblich durch migrantische Arbeitskräfte geprägt. In den risikoreichsten Arbeitsbedingungen trafen wir vor allem Pendelmigrant*innen an. Migration identifizierten wir als Brennglas, unter dem allgemeinere Arbeitsrealitäten in den beforschten Arbeitsfeldern besonders verschärft sichtbar wurden. Die Prävention von arbeitsbedingten Krebserkrankungen war in allen Tätigkeitsstätten hinsichtlich Implementierung und Umsetzung durch Arbeitgebende und Arbeiter*innen ein Flickenteppich an fehlenden und teilweise vorhandenen Maßnahmen. Für ein intersektionales Verständnis musste Migration kontextspezifisch in die Faktoren ausdifferenziert werden, in der sie relevant gemacht wurde, bspw. strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen, wie die Qualität von Arbeitsverträgen oder Versicherungsverhältnissen, sowie Sprache und persönliche Haltungen. Wir fokussieren in unserem Beitrag auf Sprache und migrationsbezogenes Othering. Sprachbarrieren wurden entweder vorgebeugt, indem ein Mindestmaß an Sprachkenntnissen Zugangsvoraussetzung für die Tätigkeiten war. Oder sie wurden nur gelegentlich situativ überbrückt, aber insgesamt aufrechterhalten, was eine Distanz zwischen den Arbeiter*innen bzw. zwischen Arbeiter*innen und Führungskräften erzeugte. Migrationsbezogenes Othering war entweder Teil des alltäglichen Small-Talks oder wurde in verbalen und non-verbalen stereotypisierenden Herabsetzungen sichtbar. Sowohl Sprachbarrieren als auch stereotypisierende Herabsetzungen wirkten sich zusätzlich verschärfend auf die kritische Qualität des Arbeitsschutzes und damit die Gesundheit der Arbeiter*innen aus.
Implikation für Forschung und/oder (Versorgungs-)Praxis: Die Gestaltung und Verbesserung von Arbeitsschutz erfordert eine kontextsensible Berücksichtigung der migrationsspezifischen Einflussfaktoren.